MP 18/2025: Digitaler Wandel im Nachrichtensektor - Radio und Radionachrichten im Umbruch

Sara Martin/Irina Turecek/Michael Koch/Sandra Mingham/Kerstin Klär

Digitaler Wandel im Nachrichtensektor

Radio und Radionachrichten im Umbruch

Kurz und knapp

• Radionachrichten sind trotz Digitalisierung weiterhin für die Hörerinnen und Hörer relevant und fungieren als kompakte Orientierungshilfe in der täglichen Informationsflut.
• Hörerinnen und Hörer erwarten einen klar strukturierten Nachrichtenablauf und eine Themenauswahl, die hierarchisch von globalen Geschehnissen hin zu regionalen Themen führt.
• Nachrichten aus öffentlich-rechtlichen Programmen werden besonders geschätzt, da sie für Seriosität und Unabhängigkeit stehen.
• Während die „Informationsdurstigen“ nach tiefgründiger, sachlich fundierter Information suchen, bevorzugen die „Unterhaltungssuchenden“ eher alltagsnahe, positive Nachrichten.

Radionachrichten im Wandel – Erwartungen und Nutzung in Zeiten der Digitalisierung

Vor dem Hintergrund eines sich rasant wandelnden Medienumfelds haben der Südwestrundfunk (SWR) und der Bayerische Rundfunk (BR) 2024 gemeinsam mit der Q | Agentur für Forschung eine qualitative Studie zur Rolle und Relevanz von Radionachrichten initiiert. Ziel war es, die Bedürfnisse und Erwartungen der 30- bis 54-Jährigen zu erfassen – einer Zielgruppe, die zunehmend von der Nutzung von digitalen Informationsquellen geprägt ist. Mithilfe von Medientagebüchern, psychologischen Einzelexplorationen und moderierten Fokusgruppen wurden Einsichten in die Nutzung und Wahrnehmung von Radionachrichten gewonnen. Die Ergebnisse flossen anschließend in einem praxisorientierten Workshop in strategische Weiterentwicklungsempfehlungen für öffentlich-rechtliche Radioprogramme ein.

Digitalisierung verändert Nachrichtenkonsum – Radio bleibt relevant

Digitale Plattformen und mobile Endgeräte haben die Art und Weise, wie Menschen Nachrichten konsumieren, grundlegend verändert. Echtzeitinformationen, Personalisierung und eine flexible Nutzung haben an Bedeutung gewonnen. Dennoch zeigt die Studie, dass Radionachrichten – insbesondere aus öffentlich-rechtlichen Quellen – weiterhin geschätzt werden: als verlässliche, kuratierte Informationsquelle, die gut in den Alltag integrierbar ist und Orientierung bietet.

Unterschiedliche Erwartungen an Radionachrichten im digitalen Wandel

Die Studie zeigt, dass Radiohörende unterschiedliche Erwartungen an Radionachrichten stellen, die sich in zwei zentralen Nutzergruppen widerspiegeln: Während „Informationsdurstige“ Wert auf sachlich fundierte, tiefgründige und vielfältig beleuchtete Inhalte legen, suchen „Unterhaltungssuchende“ eher nach emotional ansprechenden, alltagsrelevanten und positiven Nachrichten. Beide Gruppen haben das Bedürfnis nach verlässlicher und klar strukturierter Information gemein. Angesichts einer zunehmenden Krisenmüdigkeit in der Bevölkerung wünschen sich viele Hörerinnen und Hörer verstärkt konstruktiven Journalismus, der Orientierung bietet und auch Lösungsansätze aufzeigt. Eine nachvollziehbare Gliederung der Nachrichten – von global bis lokal – sowie klassische Serviceelemente wie Wetter und Verkehr, eine sachliche Sprache und verständliche Einordnung komplexer Themen zählen dabei zu den zentralen Qualitätsansprüchen an Radionachrichten.

Handlungsempfehlungen für eine zukunftsfähige Radionachrichtenstrategie

Auf Basis der Studienergebnisse wurden konkrete Anpassungen bereits umgesetzt, etwa beim BR (Bayern 1, Bayern 3) und bei SWR3. In den beiden BR-Programmen werden die Struktur der Nachrichten flexibilisiert und Meldungen stärker aus der Nutzerperspektive gedacht. Auch SWR3 setzt auf eine verständliche, alltagsnahe Einordnung – zum Beispiel durch halbstündliche Briefings am Morgen oder thematische Deep-Dives am Vormittag und Mittag. Im Sinne des konstruktiven Journalismus wollen die drei ARD-Wellen zudem Problemlösungsansätzen mehr Raum geben.

Radionachrichten bleiben auch im digitalen Zeitalter bedeutsam

Die besondere Stärke von Radionachrichten liegt in der Kombination aus Verlässlichkeit, einfacher Integration in den Alltag und emotionaler Ansprache. Öffentlich-rechtliche Anbieter erfüllen hierbei eine doppelte Funktion: als Wegweiser durch die Informationsflut und als moralischer Kompass im gesellschaftlichen Diskurs. Die Studie zeigt auf, wie Radionachrichtenangebote zielgruppengerecht weiterentwickelt werden können – differenziert, konstruktiv und nah an den Lebenswelten ihrer Hörerinnen und Hörer.

MP-Spotlight

Struktur schafft Orientierung – Erwartungen an den Ablauf von Radionachrichten

Volltext MP 18/2025



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